Nicht viel zu sehen, wie? No crocodiles, no elephants, no tigers, nur langweiliges Grün?!
Wer aber genauer hinsieht, der findet mehr, als sein Geist erfassen kann - schon vor der Haustür oder eben ein paar Kilometer weiter. Allerdings weder Krokodile noch Elefanten noch Tiger. Immerhin kommen in Deutschland 40.000 bis 50.000 (!) Tierarten vor (meistenteils Insekten, darunter allein 11.000 Hautflügler-Spezies). Fast 4.000 Arten an Höheren Pflanzen warten auf Ihre Bekanntschaft, 100 Farn-, 1.000 Moos-, 2.000 Flechtenarten und 4.000 bis 5.000 Arten Höherer Pilze. Außerdem sind da Myriaden von "niederen" Organismen - Bakterien also und Tiere, Pilze und Pflanzen, die nur aus einer oder aus wenigen Zellen bestehen.
Zur Vielfalt dieser Lebewesen kommt die der Landschaftsformen, der Boden- und Gewässertypen hinzu und auch die der Klimate - das Meso-Klima in einem Wald zum Beispiel und das im Uferbereich eines Sees oder das Mikro-Klima unter einem Baum, unter einem Blatt oder in einem Ameisenhaufen. All das ist Um-Welt, ebenso wie es die unvorstellbar komplexen Wechselbeziehungen der Organismen untereinander sind. Unterschiedliche Pflanzengesellschaften und Faunen ergeben sich daraus - und Beobachtungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten für ungezählte Naturfreunde. Der inneren Natur der Lebewesen hingegen wird kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Der Zugang ist zu schwer, spezielle und teure Techniken werden dafür gebraucht und besondere Kenntnisse und Fertigkeiten, wie sie ein entsprechendes Hochschulstudium bietet. Was sich dann allerdings dem Betrachter zeigt, ist zumindest ebenso fesselnd. Die meisten Organismen bauen sich aus Hunderten, Millionen oder gar Billionen von Zellen auf, die bis zu einem gewissen Grad eigenständige Lebewesen sind. Ein Mensch z.B. besteht aus etwa 200 Billionen systemhaft zusammenwirkender Zellen, die 250 bis 300 verschiedenen Zelltypen zuzuordnen sind. Jede einzelne dieser Zellen synthetisiert in ihrem Stoffwechsel Tausende und Abertausende Molekülsorten, die ganz spezielle Zwecke erfüllen. Diese Moleküle stehen untereinander in mannigfaltigen Wechselbeziehungen, die heute (immerhin) ansatzweise verstanden sind. Im Erbgut molekular verschlüsselte Informationen spielen dabei eine entscheidende - wenn auch nicht die alles entscheidende - Rolle. Bei der Strukturgebung der Zellen, Gewebe und Organe und deren Funktionsmechanismen gibt das Erbgut ebenfalls den Ton an, und es diktiert, ob und wie aus einer Fortpflanzungszelle ein Buschwindröschen oder ein Mensch wird. Störungen der molekularen und zellulären Naturgegebenheiten bedeuten Krankheit, deren Wiederherstellung Heilung.
Ein wahrhaft umfassendes Verständnis dessen, was "Natur" ist - die Natur in allen ihren Feinheiten also und der Filz von Wechselbeziehungen im Kleinen und im Großen -, würde das menschliche Vorstellungsvermögen hoffnungslos überfordern. Trotz gigantischer Detailkenntnis sind wir noch immer fern davon, die Gesamtheit des Chemismus auch nur einer einzelnen Zelle zu verstehen, geschweige denn die des Zusammenwirkens ihrer Verbände innerhalb eines Organismus. Und wenn wir das Gehirn einer Mücke in allen seinen funktionsbeladenen Details und deren schier unendliche Kombinatorik begreifen wollten, würden wir an Erkenntnisgrenzen der grundsätzlichen Art stoßen. Erst recht gilt das für die Erkundung unseres eigenen Gehirns mit seinen 100 Milliarden Nervenzellen, den Billionen von kooperierenden Gliazellen und ihrer "überastronomisch" hohen Anzahl von Verschaltungsmöglichkeiten (s. oben, "Neurophilosophy").
Gleichwohl, dass wir Hominiden unsere tierischen Verwandten in der Naturerkenntnis so weit, ja himmelweit, hinter uns lassen konnten, verdient Selbstrespekt - trotz aller noch so gerechtfertigten Selbstkritik - und mithin den Namen, den wir uns gegeben haben: Homo sapiens.