Was ist der Mensch?
Erkenntnis und Glauben - und die Grenzen
veröffentlicht in:
"humanismus aktuell online" 2010, Humanistische Akademie Deutschland
- leicht modifiziert -
Wer eine Antwort versucht, merkt sofort: Die Titelfrage klingt
trivial, ist es aber nicht. Immanuel Kant hatte
die Frage in dieser Form gestellt, und spätestens seitdem rankt sich
der Efeu philosophischer Denkart um sie. Der Mensch sei ein zoon politikon, ein soziales Wesen, heißt es schon zwei tausend Jahre zuvor bei Aristoteles.
Durchaus zutreffend, aber nicht hinreichend, denn wir wissen heute, dass
viele Tiere ebenfalls in sozialen Verbänden leben. Sämtliche Affenarten machen das so, und aus
zoologischer Sicht zählen wir dazu. Nein, weit treffender sind wir über unsere
hochgradigen geistigen Fähigkeiten zu definieren. Und so, sich selbst als ein
kluges, weises Wesen verstehend, taufte sich der Mensch auf den Artnamen
"Homo sapiens". Zweifel sind angebracht (und von
intellektuellem Chic), doch kein anderes Tier hat uns diesen Eigennamen je streitig gemacht. Womöglich gibt es klügere Wesen, aber
nicht hier auf diesem Planeten. Gott sei Dank. Gott? Von alters her und für
alle Kulturformen nachgewiesen, glauben Menschen an überweltliche Mächte, eine
Eigenschaft, mit der wir unter den Lebewesen
offenbar völlig allein dastehen. Sie hat sich in den unterschiedlichsten
Erscheinungsformen bis zum heutigen Tag erhalten, trotz der steten Verfeinerung unseres wissenschaftlichen Weltbildes. Demografen
schätzen, dass weltweit mehr als 90 Prozent der Bevölkerung an
übernatürliche Kräfte glauben, bis hin zu
Formen eines persönlichen, dummen, kleinen Aberglaubens, den sich - insgeheim -
sogar die hellsten Köpfe leisten. Der
Mensch, ein Homo religiosus?
Was aber ist es denn nun, das uns so weise macht, so viel gescheiter als sämtliche Tiere? Ein Grund liegt sofort zur Hand: die
Lernbefähigung. Tatsächlich, wir sind Lernwesen par excellence. Dem Anschein nach werden wir als Tabula rasa geboren und decken durch Erfahrungen unseren Tisch nach und nach erst mit Wissen und Können. Aus einem neugeborenen Dummerjan wird so und - ganz nach dem Geschmack von sozialwissenschaftlich
Denkenden - nur so ein hochbefähigtes Wesen.
Indes, die Wirklichkeit ist
komplizierter. Trotz himmelweit herausragender Lernfähigkeit ist uns Menschen
viel mehr in die Wiege gelegt, als gemeinhin angenommen. Tage, Monate, Jahre nach der
Geburt treten seelische und geistige Eigenschaften und Fähigkeiten zutage, die
vordem nicht zu erkennen sind. Ihre Realisierung lässt auf sich warten, weil
das Gehirn zur Geburtsstunde noch sehr unreif ist und, genetischem Diktat
folgend, bis hin zum Erwachsenenalter sich um etwa das Vierfache
entfaltet. Der Grad der Vernetzung zwischen den Nervenzellen nimmt dabei ständig zu. Nur dem
äußeren Schein nach sind viele der damit aufkommenden Potenzen dem Lernen geschuldet. Angeboren, obschon oft erst weit nach der Geburt ausgeprägt, ist zum Beispiel
die Palette seelischer und Sinnes-Qualitäten, der so genannten Qualia.
Emotionen, wie Hass, Sympathie, Stolz, Scham, Ekel und Freude, gehören dazu, oder die Sinnesempfindungen für „Rot“
oder „Grün“, für „Laut“ oder „Kalt“, für Schmerz, Durst oder den Maiglöckchenduft. Oder, dass man sich nach vollbrachter Tat irgendwie gut fühlt, vielleicht auch gerade
nicht. Die elementaren Gefühlsqualitäten sind - wohlgemerkt - nicht erlernbar, grundsätzlich
nicht, und sie sind auch nicht lehrbar, sondern nur durch Selbsterfahrung zugänglich, durch das
Erleben der ihnen jeweilig zugrunde liegenden
Hirnzustände. Im Allgemeinen aber haben unsere psychische Eigenschaften eine komplexere Natur und resultieren aus einer inniglichen
Verflechtung von Veranlagung
und all dem, was in Lernprozessen durch Außen- und Innenerfahrung hinzukommt. Noch nicht einmal
der simpelste Lernvorgang ist ohne eine entsprechende
Anlage – die genetisch determinierte Lernbefähigung - möglich. Ein Maikäfer wird
es bei noch so viel Dressuraufwand nie und nimmer packen, Zwei und Drei zusammenzuzählen, selbst ein Hund wäre damit überfordert. Lernen benötigt nun mal entsprechende innere Voraussetzungen, damit überhaupt
gelernt werden kann. Und hinsichtlich Lernfähigkeit sind wir Menschen
unschlagbar. Bis heute ist noch nicht einmal der Mechanismus simpelster Lernvorgänge - konkret - verstanden. Dass die Lernpotenz ins schier Unfassbare reicht, belegen die Gehirne von Menschen mit dem Savant-Syndrom - und die ist allem Anschein nach das Ergebnis von Defekten! Solange wir die Savants nicht begriffen haben, sind wir auch unserem eigenen Selbstverständnis ferne.
Überzeugungen
unterscheiden sich
von bloßen Kenntnissen, Erfahrungen und Er-Kenntnissen
dadurch, dass ein ganz persönlicher Glaube
an deren Verlässlichkeit hinzukommen muss. Ein Bauchgefühl sozusagen. Wenn
dieser Glaube fehlt, werden sich Überzeugungen selbst bei großem
Überredungsaufwand der anderen Seite nicht einstellen, es sei
denn, meisterhafte Hirnwäscher sind am Werk. Umgekehrt erweisen sich
Überzeugungen gegenüber jenen Erkenntnissen, die nur im
„Oberstübchen“ verankert sind, oft als viel stabiler. Davon kann sich jeder leicht ein Bild machen,
wenn ihm per 3D-Technik, wie in dem bildgewaltigen Hollywood-Streifen
"Avatar", die Körperlichkeit von Objekten nur vorgegaukelt wird. Bei
derlei Seh-Erfahrungen durfte man bisher doch stets von deren Greifbarkeit
überzeugt sein (schon als Kleinkind hatte man das zu be-greifen gelernt), und nun auf einmal: Irrtum! - Selbst dann noch
schwer zu fassen, wenn man das Prinzip des binokularen Sehens gut verstanden
hat.
Die für uns Menschen so typische Ansprechbarkeit
gegenüber weltanschaulichen Überzeugungen oder solchen des Glaubens fußt
offensichtlich ebenfalls auf inneren Voraussetzungen. Sie verhält sich so, wie wir es auch von anderen in
unserem Erbgut angelegten Verhaltensneigungen und Begabungen her kennen, oder
von Krankheitsdispositionen. Dementsprechend differieren die Erkenntnis- und
Glaubensfähigkeit von Mensch zu Mensch, ebenso die Neigung, sich überhaupt
Gedanken der höheren Art zu machen. Der Eine tut sich mit dem Glauben schwer,
und der Andere (der womöglich spirituell Begabtere) wundert sich darüber.
Sicherlich sind für die Befähigung zum Glauben nicht einzelne Gene allein
verantwortlich, etwa im Sinne eines „Gottes-Gens“, wie es der US-amerikanische
Genetiker Dean Hamer entdeckt haben will (Hamer, D., dt.: Das Gottes-Gen; Kösel
2006. Siehe dazu Vaas, R., und Blume, M.: Gott, Gene und Gehirn; Hirzel 2009).
Wie komplex das Geflecht aus den hierfür zuständigen genetischen Determinanten
auf der einen Seite und den persönlichen Erfahrungen auf der anderen auch immer
sein mag, für den „geborenen“ Skeptiker wird die Hinnahme von Glaubensdingen
und Glaubenssätzen, wenn sie seinem Hang zur Sachlichkeit entgegenstehen, zum
unüberwindbaren Problem. Der Andere hingegen setzt sich mühelos selbst über
Absurditäten seiner Glaubenslehre hinweg.
Doch, so zeigt sich landauf landab, sind zum
bedingungslosen Glauben immer weniger Menschen bereit. Sie fordern für
Glaubensüberzeugungen auch Glaubhaftigkeit. Was aber tun, wenn die
Jahrtausende alten Welt- und Menschenbilder der Bibel denen der modernen Wissenschaften widersprechen, und die historische Wahrheit offensichtlich ebenfalls eine
andere ist? Wieso soll
ich, fragen sich die meisten Menschen heutzutage, an den uralten Texten von
zumal fragwürdigem Ursprung festhalten, sie vielleicht sogar wörtlich nehmen
und mich dann noch nicht einmal an bibelinternen Widersprüchen stoßen dürfen?
Was sagen die Bibel-Exegeten von heute dazu? Und wenn sie sich sträuben, mit
der Zeit mitzugehen: Wollen sie nicht
anders, oder können sie nicht anders?
Beides, so müssen sich all jene sagen, die sich für strategische Fragen des
Glaubens in die Pflicht genommen fühlen, schmälert die Chance des Einzelnen,
zum Glauben hinzufinden. Und damit die Perspektive der Kirche(n). Der Berliner
Theologe Richard Schröder sieht das ähnlich (Tagesspiegel 2005):
"Schon Augustinus hat gesagt, wo immer die Bibel zu Erkenntnissen der
Wissenschaft in Widerspruch stehe, solle man akzeptieren, dass die Bibel nach
der Meinung des Volkes rede und die Wissenschaft gelten lassen. Nichts sei
peinlicher, als wenn ein Christ gegen eine offenkundige wissenschaftliche Tatsache
zu Felde zöge."
Sein Opponent, der Molekularbiologe Jens Reich, geht
weiter und behauptet im selben Interview,
Religion und Wissenschaft schlössen einander aus. Hat er damit recht? Immerhin ist
auch in den Wissenschaften vieles Glaubenssache. Manches hat
für Wissen herzuhalten, was (noch) keines ist. Die meisten Wissenschaftler
glauben an die besondere Bedeutung der wenigen Faktoren, die sie zu untersuchen gelernt haben und über die sie ihr Objekt zu erschließen versuchen, und
ignorieren dabei all die anderen. Ein aktuelles Beispiel ist die Ursachenforschung zum Klimawandel und die (mittlerweile stark politisch verbrämte) Annahme, er sei vom Menschen durch übermäßige Kohlenstoffdioxidproduktion verschuldet. Es ist lediglich eine Hypothese und, wie sich zeigt, eine zudem schlecht belegte. Im biologischen Bereich ist die Komplexität der Einflussfaktoren ebenfalls sehr hoch, oft sind es Hunderte oder Tausende oder gar Hundertausende. Der sichere Boden muss hier wie da regelmäßig
verlassen werden, um Hypothesen
zu bilden, damit durch deren Prüfung die Erschließung
der Wirklichkeit vorangebracht werden kann. Und an solche Hypothesen wird dann nicht selten mit quasi-religiöser
Überzeugung geglaubt. Anders als in den Religionen (und in der Politik) aber
gibt es in der Wissenschaft keinen Wahrheitsanspruch (zumindest
keinen der absoluten, der "unumstößlichen" Art). Dogmen sind daher nicht zugelassen, und
"Autoritäten" verunmöglichen sich selbst, wenn sie sich als
Wahrheitsapostel aufplustern. Stattdessen sind Wissenschaftler zur Skepsis
verpflichtet und zum mühevollen Zusammentragen von Mosaiksteinchen, um aus
ihnen unter beständiger Korrekturbereitschaft ein
Abbild von der Welt zusammenzufügen. Wissenschaftliche Erkenntnisse reifen langsam und müssen oft genug neuen, besseren,
weichen. Doch kommt es in der Wissenschaft kaum jemals auf den großen denkerischen
Schwung an, denn nur in Ausnahmefällen führt er hin zu neuen Ufern oder doch wenigstens zu sinnvollen Kurskorrekturen.
So grenzenlos der Erkenntnisfortschritt in der Wissenschaft erscheinen mag, es gibt Bereiche, in
denen er auffällig langsam vonstatten geht oder gar stagniert. Erkenntnisgrenzen
werden sichtbar. Zum Beispiel dort, wo es um extrem komplexe Bedingungen geht.
So lässt sich leicht nachweisen, dass ein Rechner von der Größe des für uns
wahrnehmbaren (baryonischen) Alls (geschätzte 10 Exp. 80 Elementarteilchen) vom Urknall bis heute „nur“ etwa 10 Exp. 120 Operationen durchführen könnte. Und das bei der
theoretischen Elementarzeit von 10 Exp. 23 Operationen pro Sekunde und Teilchen (seit dem Urknall vor 15
Milliarden Jahren also 10 Exp. 17 Sekunden), wobei, so sei
zu postulieren, die Teilchen allesamt als informationsverarbeitende Instanzen
in diesen kosmischen Rechner einbezogen sind. Die
Überlegung stammt von dem Biophysiker Alfred Gierer (Die Physik, das
Leben und die Seele; Piper 1985. Hier auch hatte er die von der
wissenschaftlichen Welt ganz sicher zu Unrecht ignorierte "finitistische
Erkenntnistheorie" veröffentlicht). Die von Gierer angegebenen 10 Exp. 80 x 10 Exp. 23 x 10 Exp. 17 = 10 Exp. 120 Operationen würden allein schon dazu benötigt,
um alle möglichen Systemzustände von 120 vernetzten Nervenzellen mit jeweils 10
verschiedenen Funktionszuständen ein einziges Mal „durchgerechnet“ zu haben.
Unser Gehirn aber verfügt nicht über hundertzwanzig, sondern über etwa hundert Milliarden
hochgradig vernetzter Nervenzellen, und diese, weil analog kodierend, verfügen über
jeweils beliebig viele Funktionszustände! Die spektakulären bunten Hirnkarten,
mit denen heute auch in der Öffentlichkeit gern aufgewartet wird, geben
bestenfalls eine (sehr) grobe Orientierung über das Wo? und das Wann?
von Hirntätigkeiten wieder. Solche Bilder verdanken ihre Entstehung der
funktionellen Kernspintomografie, mit der sich Durchblutungsänderungen im
Gehirn des Lebenden als Korrelat zu Funktionsänderungen erfassen lassen. Doch selbst
bei theoretisch höchst möglicher Auflösung greift das „Brain Scanning“ Pixel
für Pixel noch immer über jeweils Hunderttausende oder gar Millionen von Zellen
hinweg. Um deren systemhaftes Mit- und Gegeneinander aber geht es, wenn das,
was einen Geistesblitz ausmacht oder das Gefühl der Freude oder die bildhafte Erinnerung an einen Urlaubsort jemals
wirklich verstanden werden soll. Aussichtslos also, trotz des gegenteiligen Gehabes mancher "Gehirnversteher". Schon ein explizites
Verständnis des Mit- und Gegeneinanders der Zigtausende von molekularen
Operatoren innerhalb einer einzelnen Zelle kommt kaum jemals ernsthaft in
Betracht.
Grenzen der Erkennbarkeit tun sich ganz besonders im
Mikro- und Makrokosmischen auf. Quantenphysiker rütteln an liebgewonnenen "selbstverständlichen" Überzeugungen, denen von der
Kausalität zum Beispiel. Oder an der Feststellung, dass Energie, mithin
Materie, weder aus dem Nichts entstehen noch ins Nichts abdriften kann. Und Astrophysiker resignieren,
wenn wir sichere Antwort auf die Frage nach dem Anfang der Welt erheischen,
oder nach der Anzahl der Universen oder was denn „vorher“ war. Indes, wenn
es vor der Welt es keine Zeit gab und weder Naturkonstanten noch Naturgesetze
und schon gar nicht so etwas wie eine Evolutionspotenz, woraus ist das
alles entstanden? Oder erschaffen? Von Gott? Und woraus der? Oder hat sich die
Materie aus dem blanken Nichts entwickelt und mit den Naturkonstanten unser All rein zufällig so "wohnlich" eingerichtet? Wir Menschen, die wir uns anheischig machen, uns selbst zu erkennen, müssen uns natürlich erst einmal fragen, was überhaupt die Materie ist, aus der die Welt besteht. Und wir. Die
Experten von heute bekennen - Quantenphysiker wiederum -, sie wüssten es
nicht, zumindest nicht verlässlich. Anlass genug, mit der
(naiv-)materialistischen Grundüberzeugung zu hadern. Was bislang für uns alle
noch einigermaßen plausibel erschien – die Materie, eine körnige Substanz aus
winzigen Kügelchen, Elementar“teilchen“ also, und diese in Kraftfelder
eingebettet -, kann nicht länger so hingenommen werden. Eher scheint es wie im
Wirtschafts- und Privatleben zuzugehen: Alles ist Beziehung, und zwar
ausschließlich Beziehung. Oder Information. Auf die Frage, was aber dann
Information eigentlich sei, antwortet so mancher Theoretiker in seiner
Hilflosigkeit mit Norbert Wiener, dem Begründer der Kybernetik: „Information
ist Information“. Einige von ihnen fühlen sich frei genug, dafür „Geist“ zu
sagen, „Weltgeist“. Und woran, wenn sich die Materie so verschleiert gibt,
ist dann der Materialismus
festzumachen?
Naiver Materialismus, naiver Naturalismus also helfen an den so entscheidenden Punkten nicht weiter. Wenn wir nur halbe Antworten auf die Frage haben: "Was ist die Natur?", wie vermessen erst muss dann die Frage sein: "Was ist der Mensch?" Um zu verstehen, was wir immerhin schon alles über die Natur und uns selbst herausgefunden
haben und demnächst noch finden werden, sind und bleiben wir auf Gehirne angewiesen, die
vor wenigen Millionen Jahren noch auf der Entwicklungsstufe des Schimpansen
standen. Ihr heutiger biologischer Entwicklungsstand ist auf die
(Über-)Lebenspraxis in der Steinzeit abgestimmt. Erstaunlich, was sich
damit alles anfangen lässt. Der kulturellen Evolution sei es gedankt. Unsere Gehirne haben durch die modellhaften geistigen
Konstrukte und die vom
Menschengehirn erfundenen technischen Apparate enorm an Potenz gewonnen, trotz der biologisch gesetzten Grenzen. Im gleichen Maße aber sind die Erkenntnisgrenzen der
prinzipiellen Art deutlicher geworden, und folglich wackeln bisherige weltanschauliche Positionen. Der Naturalist ist unschlüssig geworden,
wenn er sich nicht nachsagen lassen will, selber gläubig zu sein, nämlich dass er mangels Beweisen an die Nicht-Existenz
einer „höheren“ Instanz einfach nur glaubt.
Nolens volens mutiert er vom Atheisten zum Agnostiker. Nicht zuletzt macht uns die vom
Erkenntnisfortschritt bestimmte Lebenspraxis Sorgen, nämlich, dass uns bei dem immer stärker gefordertn biologischen Unterbau der
technische wie auch der soziale Überbau irgendwann einmal gründlich auf die
Füße fällt. Entsprechend geschrumpft ist der Platz für den unbedingten
Wissenschaftsglauben, für den realitätsblinden Szientismus.
Und die andere Seite, die der bald mehr, bald weniger
Gläubigen und die der Theologie(n)? Dort ist wenig Grund zu frohlocken, von wegen, da sieht man mal, die
Wissenschaftler selber wissen’s auch nicht besser, und am Ende ist alles Glauben.
Zum allergrößten Teil aber können sich die Wissenschaften auf stabile, weil
prüfbare Erkenntnisse berufen, und gleichermaßen die davon ausgehenden
Überzeugungen. Fakten und durch Wissenschaft gesicherte Erfahrungen und
Überzeugungen mit Argumenten des Glaubens konterkarieren zu wollen, ist auf
Dauer chancenlos. Für die Vertreter des Glaubens gibt es keinen besseren Weg
als den, auf die Wissenschaftler zuzugehen, um sich deren Argumente zu Eigen zu
machen und nicht länger damit im Konflikt zu sein. Oder im Hader mit den
eigenen Kindern und Enkeln, wenn sie mit solcherlei Wissen aus der Schule
kommen. Sich mit den Wissenschaften abzugeben, verlangt Bildungsanstrengung,
gewiss, sie zu scheuen aber schmälert die Zukunftsfähigkeit der Welt des
Glaubens, allzumal die ihrer Institutionen. Stattdessen gilt es, für welche
Glaubenslehre auch immer, Wissenschaft zu integrieren und dadurch zeitgemäße
Glaubensformen zu erarbeiten, solche, die auch morgen noch hinreichend viele
Menschen überzeugen können. Zwar ist von derlei Absichten oft zu hören,
doch wo sind die Erneuerungen und wer trägt sie der Gemeinde vor?
Ganz gleich, wie die revidierten Glaubenslehren aussehen
mögen, in einem wichtigen Punkt sind sie den Wissenschaften überlegen:
im Spenden von Trost und Hoffnung und
in der Sinn-Gebung. Bei
aller sonstigen Tüchtigkeit der Wissenschaft, hier versagt sie, hier muss sie
versagen, denn: In der Natur gibt es Sinn nur als biologisch zu verstehenden
Zweck. Zwecke sind das Ergebnis eines gigantischen Selbstoptimierungsprozesses,
der biologischen Evolution. Sie erstreckt sich als Kette von Ausleseprozessen
über Generationen hinweg, wobei sich das jeweils Bessere gegenüber dem ohnehin
schon Guten durchsetzt - automatisch sozusagen. Das gilt für den Bau und die
Funktion von Molekülen, von Zellen und von Organen bis hin zum Verhalten eines
Organismus und, gegebenenfalls, von sozialen Strukturen. Ein vorgegebenes Ziel als
Orientierungshilfe ist nicht nötig, entsprechende Behauptungen sind als Teleologie abzuweisen. Die Frage nach
einem von außen vorgegebenen Sinn, nach dem Zweck all der Zwecke, dem "Meta-Zweck"
also, stellt sich allein für den suchenden, den hoffenden Menschen. Schmerzlich
bewusst wird dem Nicht-Gläubigen das Fehlen eines höheren Sinns spätestens in
kritischen, „schicksalsträchtigen“ Lebenssituationen. Manche von ihnen suchen
dann doch noch Zuflucht in einer trostspenden Glaubenshaltung, andere lehnen
sie als Selbsttäuschungsmanöver weiterhin ab, und das mit bitterer Konsequenz:
Ihr Gehirn als „Sinn-Such- und Sinn-Erfindungsmaschine“ geht in dieser
wohl wichtigsten aller Lebensfragen leer aus. Diejenigen hingegen, die - wenn auch nur gelegentlich - auf eine
alles durchwaltende göttliche Ordnung setzen, werden in ihrer
Religion selbst dann noch einigermaßen Zuspruch finden, wenn für sie die Grundannahme „Schöpfer“ im Verdacht
steht, eine Fiktion zu sein. Doch
keine Sorge: Gegen eine Widerlegung des Schöpfergedankens sind die
Religionen gefeit. Allesamt. Einfach deshalb, weil die Hypothese
"Gott" nicht prüfbar ist. - Gott, ein Placebo?
"Gott ist das einzige Wesen, das, um zu herrschen, noch
nicht einmal des Daseins bedarf.“ Charles de Baudelaire
***
Was also ist der Mensch? Verlässliche Auskunft lässt sich erst dann finden, wenn die ganz großen Fragen, die „letzten“, beantwortet sind.
Und dafür scheint unsere biologische Konstruktion überfordert. Vielleicht existieren auf Exo-Planeten intelligenzbegabte Lebewesen einer ganz anderen Machart, Produkte einer Evolution, die der unseren um einige, um Hunderte oder gar Tausende von
Jahrmillionen Jahren voraus ist. Die sollten wir
fragen.
Das Gehirn Frédéric Chopins fiel es auf eine besondere Weise leicht,
andere Gehirne für sich einzunehmen:
Prélude op. 28, Nr. 4, e-moll (Hintergrundsmelodie)